FLINTA* Voices: Maulwurf by Rita Chernysheva
FLINTA* Voices create space to speak without restriction, without dilution, and without apology. We opened our platform to FLINTA* writers and creators who confront and redefine gendered realities, who understand empowerment not as a trend, but as necessity, and who expose patriarchy not as abstraction, but as lived experience.
Maulwurf
Heute spiele ich den Maulwurf. Ich schreibe eine neue Kurzgeschichte. Ich schreibe sie ohne meine Brille. Statt klarer Wörter erscheinen auf dem Bildschirm viele Würmer unterschiedlicher Länge. Ich kann nicht lesen, was ich schreibe, also kann ich auch nicht anfangen, die geschriebenen Zeilen zu überarbeiten. Heute macht mir dieser Treibsand keine Angst. Ich gehe vorwärts, noch immer nicht ganz sicher, aber die roten Schlangen haben sich noch nicht in meinen Text gekrochen – das heißt, ich treffe bisher die richtigen Tasten.
Immer seltener spiele ich den Maulwurf. Nach dem Aufwachen und Zähneputzen setze ich mir sofort die Augen auf. Die Dinge um mich herum werden heller und größer. Und ich mit ihnen. Mein Spiegelbild gefällt mir nicht, aber ich habe gehört, andere sehen uns anders – nicht so, wie wir uns selbst im Spiegel sehen.
Der Maulwurf lebt seit zwölf Jahren in mir, und seit sechs davon ziehe ich mir morgens immer die Augen an. Doch diese Zahlen hindern mich nicht daran, meine Brille zu Hause zu vergessen. Alle paar Monate gehe ich nach draußen und gerate in ein Gemälde der Impressionisten. Zuerst ärgere ich mich über mich selbst, aber ich kehre nicht zurück – vier Stockwerke sind nichts, worauf ich Energie verschwenden will.
Ich entscheide mich bewusst, im Gemälde zu bleiben. Für mich gibt es keine einzelnen Blätter an den Bäumen mehr und keine Gesichter der Passanten. Um zu verstehen, wie sich das anfühlt, muss man ein Maulwurf mit Erfahrung sein – oder sich Pissarros Boulevard Montmartre bei Nacht anschauen.
Das Einzige, das sich nicht verändert – ob ich nun der Maulwurf bin oder nicht –, sind die Gegenstände in der Nähe. Und der Körper – wenn man von oben auf sich selbst hinabschaut. In letzter Zeit betrachte ich oft meine Hände. Wenn ich alle Finger spreize, sehe ich die Muster auf den Handgelenken und violette Nägel. Meine Hände frieren oft, selbst wenn ich zu Hause bin und einen warmen Pulli trage.
Die Fältchen auf meinen Händen hingegen sind etwas Neues für mich. Zahlreiche Linien überlagern sich und bilden winzige Rauten. Manchmal schiebe ich meine Hand unter den Po, wenn ich auf einem Stuhl sitze. So ist es wärmer. Der Stoff meiner gemütlichen Hose drückt sich in die Haut – aber das sind andere Muster.
Einmal waren Mama und ich im Theater. Unsere Plätze waren in der letzten Reihe des Parketts, von wo aus man einen ausgezeichneten Blick auf die Hinterköpfe unserer Sitznachbarn und auf die Zuschauer in den Logen hatte.
Ich bemerkte eine junge Frau, die halb zur Seite gedreht saß – in einem eleganten, heidelbeerfarbenen Kleid, mit einer Frisur, wie sie Bräute bei Hochzeiten tragen: das Haar zu einem Knoten gesteckt, nur ein paar Strähnen hingen in Spiralen an den Seiten herab. An meiner Hochzeit werde ich genau so eine Frisur tragen. Ihr Erscheinungsbild wurde von langen Handschuhen in derselben Farbe wie das Kleid ergänzt – übersät mit Strasssteinen.
„Mama, schau mal, da vorne rechts in der ersten Reihe – was für eine schöne junge Frau!“
„Eher eine Großmutter. Die ist älter als ich.“
„Das kann doch nicht sein!“
„Schau ihr mal auf den Hals. Und auf die Hände.“
„Aber sie trägt doch Handschuhe.“
„Eben deshalb“, lächelte Mama. „Was meinst du – was verrät als Erstes das Alter einer Frau?“
Ich frage mich, ob meine Hände einfach älter werden – oder ob das nur die Spuren der winterlichen Winde sind. Ich vergesse ständig, Handcreme zu benutzen. Manchmal vergesse ich sogar, vor dem Hinausgehen einen Blick in den Spiegel zu werfen. Wenn ich es draußen bemerke, beruhige ich mich damit, dass sich seit gestern nichts verändert haben kann. Eigentlich sollte es nicht.
Aber das wird nicht immer so sein. Eines Tages wird mir ein neues Spiegelbild entgegenblicken. Ich hoffe, wir freunden uns an.
Ich setze meine Brille auf. Die Dinge um mich herum werden heller und größer. Und ich mit ihnen. Das Maulwurf-Spiel ist für heute vorbei.
About the Author
Rita Chernysheva lives in Nuremberg and is originally from Russia. She studies German studies, works at the oldest bookshop in Germany, and writes autofictional short stories. She is particularly interested in family histories in the context of migration.
