Die Alte Münze Berlin: Wo Geschichte auf Gegenwart trifft

Wer heute durch die Türen der Alten Münze am Molkenmarkt tritt, betritt einen Ort voller Widersprüche und genau das macht ihn so faszinierend. Was einst Deutschlands bedeutendste Münzprägestätte war, ist heute ein lebendiges Kulturzentrum mit Ateliers, Veranstaltungshallen und Büros. Doch hinter den unscheinbaren Fassaden entlang der Spree verbirgt sich eine Geschichte, die Jahrhunderte umspannt.

Von der Münze zum Kulturzentrum – und wieder zurück in die Geschichte

Die Geschichte der Berliner Münzprägung beginnt nicht erst mit dem heutigen Gebäude. Schon im 13. Jahrhundert findet sich die erste urkundliche Erwähnung einer Münzprägestätte in Berlin. Den entscheidenden Impuls für ein modernes, zentralisiertes Münzwesen gab jedoch Friedrich der Große um 1750 und mit ihm auch das bis heute gültige Münzzeichen „A“ für Berlin, das die Hauptstadt unter den fünf deutschen Prägestandorten (Berlin, Hamburg, Stuttgart, Karlsruhe und München) auszeichnet.

Eine zentrale Münzprägestätte ist weit mehr als ein Ort, an dem Metallscheiben gestanzt werden. Sie ist ein geldpolitisches Steuerungsinstrument, ein Mittel gegen Fälschungen und ein Symbol staatlicher Identität. Wer auf eine Münze kommt oder eben nicht, sagt viel über das Selbstverständnis eines Staates aus. Das gilt für die Reichsmark genauso wie für den Euro: Auf den deutschen Euromünzen prangen der Eichenzweig, das Brandenburger Tor und der Bundesadler, Symbole, die bewusst gewählt wurden, um eine bestimmte Vorstellung von Deutschland in den Geldbeuteln der Welt zu verankern.

Vorgänger an der Spree

Alle Berliner Münzprägestätten wurden in Spreunähe errichtet, die Prägemaschinen liefen einst mit Wasserkraft. Den ersten wirklich repräsentativen Bau entwarf der klassizistische Architekt Heinrich Gentz: Die Münze am Werderschen Markt, errichtet zwischen 1798 und 1800, sollte Berlins Bedeutung als Prägestandort auch nach außen sichtbar machen. Kein Geringerer als Johann Gottfried Schadow gemeinsam mit Friedrich Gilly schuf dafür einen 36 Meter langen Fries, der in mythologischen Bildern den gesamten Weg vom Rohstoff zur Münze erzählt von Rhea und Prometheus bis hin zu Merkur und Minerva. Ein Teil dieses Frieses ist als Kopie bis heute am Gebäude am Mühlendamm 3 zu sehen und verbindet so die alte mit der neuen Münze.

Auch die nächste Station, ein Backsteinbau in der Unterwasserstraße, entworfen vom Schinkel-Schüler Friedrich August Stüler, erwies sich bald als zu klein. Berlin wuchs, und mit ihm der Bedarf an Münzen.

Bauen im Geiste des NS-Regimes

Der heute noch erhaltene Komplex der Alten Münze ist das Ergebnis einer nationalsozialistischen Stadtplanung, die Macht durch Architektur inszenieren wollte. Die neue „Deutsche Reichsmünze“ sollte Teil eines repräsentativen Stadtkorridors vom Potsdamer Platz bis zum Roten Rathaus sein. Zwischen 1936 und 1942 entstand unter der Leitung von Fritz Keibel und Arthur Reck ein achtteiliger Baukomplex mit Produktionshallen, Verwaltungsbüros, Gemeinschaftsräumen und sogar Wohnungen für den Münzdirektor und leitende Beamte.

Besonders aufschlussreich sind die drei markanten Schornsteine des Komplexes, die als steinverkleidete Türme ausgestaltet wurden. Sie sind keine zufällige Gestaltungsentscheidung: Sie verweisen bewusst auf das Berliner Olympiastadion, das 1936, im selben Jahr, in dem der Bau der Münze begann, fertiggestellt wurde. Mit seinen Turmpaaren, benannt nach deutschen Stämmen, war das Olympiastadion ein Paradebeispiel nationalsozialistischer Selbstdarstellung. Die Türme der Münze sollten architektonische Linientreue signalisieren und taten es auf stumme, aber eindeutige Weise.

Um Platz für den neuen Komplex zu schaffen, wurden ab 1935/36 zahlreiche historische Bauten abgerissen. Das Palais Schwerin (erbaut 1704 nach Plänen von Jean de Bodt) jedoch blieb erhalten und wurde in den Komplex integriert. Wer heute durch den Haupteingang tritt, kann über dem Portal noch die Kartusche mit dem Orden vom Schwarzen Adler entdecken, das Zeichen des preußischen Staatsministers Otto von Schwerin, dem das Palais einst gehörte.

Ein Ort für viele Leben

Die Alte Münze hat im Laufe der Jahrzehnte viele Gesichter gezeigt. Während des Zweiten Weltkriegs lagerten in ihren Tresorkellern nicht nur Münzen, sondern auch Kunstwerke von unschätzbarem Wert, darunter zeitweise Teile des Pergamonaltars. Ein verheerender Brand 1945 im Untergeschoss und die dauernde Feuchtigkeit durch die Spreunähe machen deutlich: Sicherheit war hier nie selbstverständlich.

In der DDR wurde das Areal unter dem Namen „VEB Münze“ weitergeführt und prägte zunächst die Ostmark, später, nach der Schließung der Münzstätte Muldenhütten 1953, als einzige Münze der gesamten DDR. Im Palais Schwerin residierte von 1954 bis 1990 das Ministerium für Kultur. In den 1970er Jahren zog zudem der Verlag Planet in eine der Hallen ein, der im Auftrag der SED politische Zeitschriften und später Grußkarten druckte. Nach der Wende wurde hier noch bis 2001 die Deutsche Mark geprägt, bevor ab 2002 Euromünzen aus dem Komplex kamen. 2006 zog die Staatliche Münze Berlin schließlich nach Reinickendorf um.

Heute: Kulturort mit Gedächtnis

Was bleibt, ist ein außergewöhnliches Ensemble aus Geschichte und Gegenwart. Die Prägehalle, die Rändelhalle, die Zählhalle und die Verpackungshalle, einst nach den Arbeitsschritten der Münzproduktion benannt, beherbergen heute Kunstausstellungen, Designmessen und Konferenzen. In den Ateliers arbeiten Künstlerinnen und Künstler, am Molkenmarkt ist das Deutsch-Französische Jugendwerk zu Hause, im Mühlendamm 3 das Haus der Jugendarbeit.

Und wer genau hinschaut, entdeckt überall Spuren: den Münzfries an der Fassade, die wuchtigen Stahltresortüren im Keller, die repräsentative Treppe im Werkstattgebäude oder die schlichte, fast bürgerliche Außenwirkung einer Anlage, die nach innen weit komplexer ist, als sie nach außen vorgibt.

Die Alte Münze erzählt keine einfache Geschichte. Aber genau das macht sie zu einem der spannendsten Orte Berlins.

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