In Conversation with Barbara Thoma

Wir haben uns mit Barbara Thoma zusammengesetzt, um über die Kraft der Fotografie, Diversität, kreative Begegnungen und die Sichtbarkeit von Menschen und ihren Geschichten zu sprechen.

Vom 4. bis zum 31. Juli ist Barbara Thomas Ausstellung bei GATE TO zu erleben, einem permanenten Ausstellungsort, an dem das ehemalige Portierhaus einen Dialog zwischen Kunst und Stadtlandschaft eröffnet.

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Du bewegst dich mit deiner Arbeit zwischen Kunst und sozialen Fragestellungen. Was hat dich dazu motiviert, diesen Fokus zu entwickeln, und wie hat er sich im Laufe der Jahre verändert?

Barbara: Der Fokus hat sich aus meiner Liebe zur Kreativität entwickelt und meiner Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Schon als Kind habe ich einen äusserst ausgeprägten Gerechtigkeitssinn entwickelt und habe früh wahrgenommen, dass viele Menschen und ihre Geschichten, ihre Lebensrealitäten oft unsichtbar bleiben. Meine Motivation war mit der Kamera das Schöne zu finden, auch wenn es das vermeintlich nicht immer gibt. Deshalb geht es in meiner Arbeit nicht darum, auf Missstände hinzuweisen, sondern darum Potenziale und Momente von Schönheit sichtbar werden zu lassen. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass meine Bilder noch mutiger werden.

Diversität und Multiperspektivität spielen in deinen Projekten eine wichtige Rolle. Was bedeuten diese Begriffe für dich persönlich, und wie spiegeln sie sich in deiner fotografischen Arbeit wider?

B: Für mich beginnt Diversität nicht erst mit dem (fertigen) Bild, sondern bereits in der Art wie wir einander begegnen und zusammenarbeiten. Sie zeigt sich mit meiner Offenheit für die Geschichten und Perspektiven anderer Menschen. Diese Vielfalt bereichert sowohl mich persönlich als auch meine fotografische Arbeit. Ein Foto entsteht nicht nur durch meinen Blick, sondern auch durch die Begegnung mit dem Menschen vor der Kamera, durch das, was zwischen uns entsteht. Multiperspektivität bedeutet für mich die eigene Sichtweise immer wieder zu hinterfragen und bewusst dem anderen den Raum zu lassen. Das beeinflusst mich, wie ich die Bilder gestalte.

Du setzt dich für die Sichtbarkeit von Randgruppen in der Kunst ein. Welche Veränderungen würdest du dir im Kunst- und Kulturbetrieb wünschen, damit unterschiedliche Perspektiven stärker wahrgenommen werden?

B: Ich wünsche mir mehr Mut, um komplexe Geschichten zu hören, zu erzählen und zu zeigen. Menschen sollten nicht auf ihre Identität, Herkunft, Beruf reduziert werden. Jeder trägt so viele Facetten in sich und genau diese Vielfalt finde ich schön. Ich wünsche mir starke Verantwortliche, die sich für Kunst und Kultur einsetzen, die unterschiedliche Menschen an den Tisch holen.

In deiner Arbeit begegnest du Menschen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen und Hintergründen. Wie schaffst du es, Vertrauen aufzubauen und authentische Momente festzuhalten?

B: Vertrauen entsteht für mich durch gegenseitige Wertschätzung und Empathie. Ich begegne Menschen mit der Haltung, sie so anzunehmen, wie sie sind. Meine Mitarbeit als Fotografin im Projekt THE OTHER US als Teil des „She Floats Collective“ war eine der wichtigsten und spannendsten Erfahrungen für mich. In der Zusammenarbeit mit den Künstlerinnen Sarita Dey und Lydiane Lutz durfte ich erleben, wie sich gegenseitiges Vertrauen entwickelte und sich schließlich in einer tieferen Verbundenheit sowie einem ganz besonderen künstlerischen Ausdruck zeigte. Die Fotos sind gerade deswegen so authentisch geworden, weil sie nicht aus dem Anspruch entstanden sind etwas Perfektes zu schaffen, sondern aus echten Begegnungen, Vertrauen und der Freude am gemeinsamen kreativen Prozess. Ein weiterer Grund ist natürlich, dass ich außergewöhnliche Künstlerinnen vor meiner Linse hatte, die den Mut besaßen, sich ehrlich zu zeigen. Genau dadurch konnten diese zutiefst authentischen Momente und Bilder entstehen. Es ist ein starkes Miteinander entstanden, was ich in der Kunstwelt als großes Geschenk empfinde und in der ich auch wachsen kann. Besonders wertvoll war für mich das kollektive Arbeiten. Das Lernen von einander, den anderen in seiner künstlerischen Ausdrucksform wahrnehmen, gemeinsam an einem Thema, einer Ausstellung oder Ausdruck zu arbeiten. Das bereichert uns alle und zeigt die Vielfalt. Das ist nicht immer selbstverständlich unter Künstlern. Die Kunst muss kein Einzelkämpfer sein. 

Du bist nicht nur Fotografin, sondern auch Netzwerkerin. Wie beeinflussen sich diese beiden Rollen gegenseitig, und was reizt dich besonders daran, Menschen und Projekte miteinander zu verbinden?

B: Viele meiner Freundschaften kommen aus dem künstlerischen Umfeld. Und so bewege ich mich ständig zwischen verschiedenen Rollen. Als Fotografin begleite ich sie oft mit meiner Kamera bei ihren Projekten, im Musikbereich, Theater und Film, immer mitten im kreativen Geschehen. Gleichzeitig bin ich sehr gerne Gastgeberin. An meinem Tisch gibt es immer Platz für spontane Gäste. Ein gemeinsames Dinner schafft Nähe, verbindet Menschen und lässt neue Ideen, Projekte und Freundschaften entstehen. Vielfalt wird sichtbar und lebendig. Die Vielfalt spiegelt sich auch in meiner aktuellen Ausstellung im Gate To wider. Dort treffen zwei Tischwelten aufeinander, die zeigen die eine Seite, wie geordnet, vielleicht manchmal einseitig die Tafel sein kann oder die andere Seite, wie bunt und inspirierend, aber manchmal auch unbequem die Vielfalt werden kann. 

Gibt es ein Projekt oder eine Begegnung, die deinen Blick auf gesellschaftliche Themen nachhaltig verändert oder geschärft hat?

B: Ja, die Begegnung mit Julie Legouez und die Arbeit an der Ausstellung „My Happy Place“ 2024 in der Galerie Kollaborativ zum Thema häusliche Gewalt haben meinen Blick nachhaltig verändert. Julies persönliche Geschichte und die Kraft, mit der sie ihre eigenen Gewalterfahrungen durch ihre Kunst sichtbar macht, haben mich tief berührt. Zu erleben, wie Kunst schwierige und oft verdrängte Themen ansprechen kann, hat in mir den Wunsch verstärkt, mehr solche künstlerischen Ausdrucksformen zu entdecken und zu unterstützen. Dabei verstehe ich Fotografie nicht nur als Dokumentation, sondern als Möglichkeit Menschen zu berühren und ihre Geschichten weiterzutragen und ihnen mehr Sichtbarkeit zu geben.

Wie sieht dein kreativer Prozess aus, von der ersten Idee bis zum fertigen Bild? Welche Rolle spielen dabei Intuition, Planung und Austausch mit anderen?

B: Mein kreativer Prozess beginnt selten mit einem festen Plan. Die Intuition spielt die größte Rolle und ich hoffe, meine Kreativität führt mich da hindurch. Ich liebe es auch, wenn spontanes passiert, unerwartet der Wind eine andere Richtung einschlägt oder die Menschen vor der Kamera Lust haben, etwas Neues zu erschaffen. Natürlich ist auch teilweise der Austausch sehr wichtig, dennoch sollte der Raum sehr offen sein für den entscheidenden Moment, wenn es Click macht.

Wenn du an die Zukunft von Kunst und Fotografie denkst: Welche Geschichten, Perspektiven oder Stimmen sollten aus deiner Sicht mehr Raum und Sichtbarkeit bekommen?

B: Ich denke die Zukunft von Kunst und Fotografie wird vielstimmiger, politischer und technologisch hybrider sein. Vielleicht wird es weniger „große Meister“ geben und dafür mehr Netzwerke, Communities und kollektive Formen des Arbeitens. Gleichzeitig brauchen wir viel mehr Raum und Sichtbarkeit für Geschichten über Trauma, Heilung, Trost, Resilienz, Verlust, Gewalt, die dann hoffentlich helfen, den Menschen, die es erfahren haben, daran zu wachsen und neue Wege für sich zu finden. Kunst kann dabei ein Träger von Heilung sein.

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